Marianne Bayer: Autonomie oder Lust?

Sexuelle Selbstbestimmung – aktuelle Antwort vom Hilfetelefon der AHS

„Die Bekenntnisse des Victor X.“ um 1900 in einem russischen Dorf: Kinder, die kein anderes Spielzeug besaßen als ihre Körper. Sie nutzten das Alter, wo man noch keine Babys kriegen kann, und erlernten diesbezüglich sichere Zärtlichkeiten. Sogar die vernachlässigte junge Ehefrau erfreute sich da am heranwachsenden Jungen. Heimliche Lustmaximierung war selbstverständlich und die Frage, wer angefangen hat, Nebensache.

Heute rückt die Frage, wer angefangen hat, in den Mittelpunkt. Nicht nur bei der zweifellos riskanten Beziehung zwischen Mann und Mädchen, nein, auch bei der Verführung eines jungen Mannes durch eine ältere Frau (oder einen älteren Mann). Auch wenn der junge Mann sexualstrafrechtlich alt genug ist, um zu dürfen: Mrs. Robinson aus „Die Reifeprüfung“, die Verführerin, wird „böse“ gezeichnet. Sie bereitet dem Jüngling Wonne, aber er ärgert sich, weil sie nicht schön, nicht jung, nicht selbstlos und unschuldig ist, und so kann es geschehen, dass er die Wonne bereut, verdrängt, „nicht wirklich“ gehabt zu haben glaubt…..

Ein junger Mann ärgert sich darüber, dass eine Frau durch ihr Gehabe, ihre Kleidung und Bewegung eine Erektion bei ihm hervorrufen kann, wenn er keine Erektion will. Darf die Frau, sobald der Mann einen Ständer hat? Die Frage wird sich bald erübrigen, denn diese Art sensibler junger Mann wird (Kopf siegt über Schwanz), irgendwann keinen Ständer mehr kriegen, ein Apostel der Lustlosigkeit werden – oder aber die große Liebe und Lebensgefährtin suchen, mit der es dann trotzdem im Bett nicht so toll läuft.

Ein anderer Mann verführt, überredet, bedrängt, ja vergewaltigt eine zögernde Frau – und redet sich ein, gewonnen zu haben, wenn er sie dazu bringt, einen Höhepunkt zu kriegen! Darum müht er sich wirklich. Er denkt, wenn er ihr Genuss bereitet, MUSS sie ihn doch lieben oder ihm zumindest verzeihen? Nichts da. Sie kann genau wie der oben beschriebene Jüngling seelisch verwundet sein. Mich interssiert jetzt nicht die strafrechtliche Frage. Mich interessiert das von Alter und Geschlecht unabhängige Autonomie-Prinzip.

Ein Mensch ärgert sich darüber, dass ein anderer Mensch Einfluss auf seinen Körper ausübt. Einen jungen, unerfahrenen Menschen trifft das besonders stark. Er hat das Gefühl, dass da sein Körper – der hypochondrisch gehütete eigene Körper, der letzte kostbare Besitz in einer aus den Fugen geratenen Welt – von außen gesteuert wird. Dieses Gefühl hat er nicht nur bei Gewalt oder Schmerz, sondern auch in der Lust. Das Heft allein in der Hand behalten ist ihm viel, viel wichtiger als die Lust. Zu der Sorge des jungen Menschen und der „schwachen Frau“ um die eigene körperliche Intaktheit kommt altersunabhängig hinzu: das vorteilhafte Selbstbild. Dieses eitle Selbstbild verlangt, dass du allein das Szenario bestimmst oder dass du nur bei einem schönen, jungen, lieben, treuen usw. Partner dich ganz und gar an den Genuss verlieren darfst. Den Orgasmus, den du bei einem hässlichen, stinkenden Mann hattest, kannst du dir nicht verzeihen….

Selbstbestimmung, ergänzt um vorteilhaftes Selbstbild, sind wertvolle menschenrechtliche Errungenschaften des 20.Jahrhunderts. Früher gab es Selbstbestimmung für niemanden (jeder war nur Teil der Gesellschaft) und ein vorteilhaftes Selbstbild gab es nur für Erwachsene der höheren Gesellschaftsschichten. Gerade weil die Menschen so arm und unterdrückt waren, griffen sie nach jeder Lust, die sie kriegen konnten, sobald Gott nur einen Augenblick wegschaute. Das ist heute anders. Es ist aber zu wünschen, dass über Selbstbild und Selbstbestimmung der Aspekt der Lust nicht völlig vergessen werde.