Marianne Bayer: I have a dream…

Wozu hat die AHS ein Positionspapier, das den, der es als AHS-Vorstand stellvertretend unterschreibt, gesellschaftlich vernichten kann? Ich betrachte das Positionspapier als einen Jahrzehnte langen Versuch von lebenserfahrenen und beruflich hoch qualifizierten, anonym bleiben müssenden Männern, wenigstens träumen zu dürfen, wovon sie träumen – sich selbst und vielen anderen mitzuteilen: „Wir sind gute, tüchtige, hilfsbereite Menschen, wir wollen nicht ein Leben lang zu Kreuze kriechen nur wegen eines verbotenen Traums.“ Ich sehe eine deutlichen Bezug zwischen dem pädosexuellen Problem und der „unerwiderten Liebe“, die ich als heteronormale Frau gut kenne und die ebensfalls zunehmend verächtlich gemacht, krankgeschrieben (Buch: Wenn Frauen zu sehr lieben) und verstrafrechtlicht (Stalking, Beziehungstaten) wird.

Ein Mensch verliebt sich – unter Umständen viele Male, von der Kindheit bis ins hohe Alter. Zwischen ihm und dem Liebesobjekt werden Schranken aufgestellt, die sich keineswegs auf die körperlichen, psychischen, organisatorischen usw. Gründe gegen einen Geschlechtsverkehr beschränken, denn:

Der Mensch träumt von seinem Liebesobjekt, sowohl in der Masturbation also auch in den Kulturleistungen, zu denen ihn die Liebe beflügelt. Dieses Träumen aber – und das ist der für mich entscheidende Punkt, den ich in sexualwissenschaftlichen Publikationen bisher zu wenig beachtet sehe – dieses Träumen vom Liebesobjekt also wird unmöglich, wenn dem Menschen vorgehalten wird, dass bereits sein Träumen „böse“ sei. Dieser Vorwurf wird besonders brisant, wenn Fotos oder andere Repräsentationen des Liebesobjekts im Besitz des Liebenden sind. Der Vorwurf kann unterschiedlich begründet und ausgeformt werden. Der Traum gilt als demütigend für den Liebenden oder für das Liebesobjekt, als hinderlich für andere (sozial erwünschte) Beziehungen oder schlicht als ein Signal dafür, dass es eines Tages doch noch oder wieder zu dem unerwünschten realen Kontakt kommen könnte.

Zwar sind die Tagträume hinter meiner Stirn unsichtbar, doch nur wenige Menschen sind so dickfellig, dass sie sich körperlich und seelisch unbeschädigt an einem massiv abgelehnten Traum erlaben können. Das Traumverbot – ausgesprochen von der „Gesellschaft“ oder vom Liebesobjekt selbst – stürzt Millionen Liebende in Depression. Eine Depression, in der die Menschen allenfalls mechanisch arbeiten, aber nie die vom berüchtigten Standort Deutschland geforderte kreative Leistung erbringen können.